Nov 30
FranzSelbstbetrachtungen
Sondern bedarf der steten Anregung. Sonst implodiert sie. Sie frisst sich selber und ist dann gesättigt und nach der Verdauung (ihrer selbst) bleibt auch hier nur der übliche Rest. Falls die Toilettenspülung nicht funktioniert.
Das könnte ein hinreichender Grund sein, sich umzuschauen, Anregungen zu sammeln, der Gier nach Neuem beständig Nahrung anzubieten – um jener Selbstverdauung vorzubeugen.
Oder man pfeift drauf. Da weis man, was man hat!
Nur eben Neugier nicht. Und Ruhe auch nicht. Ohne drauf erpicht zu sein, gänzlich ohne Gier und vielleicht auch ohne den allerleisesten Wunsch danach, wird man doch beständig vom Neuen bedrängt. Einzig beständig ist die Tatsache, dass Bestehendes keinen Bestand hat. Auch bei liebevoller Pflege nicht. Bestand hat nur die Veränderung. Die braucht man nicht mal zu konservieren!
Wenn aber die Veränderung das einzig Bleibende ist, könnte es ratsam sein – so unisono alle Berater – sich auf das einzustellen, was das Bestehende sein wird, wenn Bestehendes sich wandelt.
Und dann trifft einen unvermittelt der Donnerschlag und das Blitzgewitter im Frontalcortex: Ich versteh kein Wort. Mit stocksteifer Hilflosigkeit wanke ich vor der Einsicht, ich bin ganz offensichtlich gestrig, wenn ich heutige Zeichen nicht zu deuten vermag. Wie soll das erst morgen werden? Morgenwerde ich nimmer begreifen, wenn ich schon heute nicht kapiere, weil ich offensichtlich gestern meine Lektion nicht gelernt habe. Also eigentlich nicht von gestern, sondern von vorgestern?
Gute alte Zeit!
Ich brauche Hilfe! Oder Schutz…
Da wird mir eine Zukunft avisiert, die möglicherweise harmlos oder gar freudvoll ist, aber mir vorerst völlig unverständlich. Ich bin eben kein Insider. Ich brauche Hilfe.
„Hier wird eine Technologie erwachsen, von der wir seit zehn Jahren immer wieder reden, schreiben und träumen. Zum ersten Mal in der Geschichte haben unsere Devices die nötigen Voraussetzungen: Kamera, GPS, Kompass, Beschleunigungssensor, Imagerecognition, Barcode-Scanner, Gesichtserkennung, Eyetracker und breitbandige Funktechnologien von HSDPA über WiBro bis WIMAX. Damit entsteht eine Branche, deren große Umsätze unmittelbar bevorzustehen scheinen. 350 Millionen Dollar Umsatz sagen Experten für das Jahr 2014 voraus.
Wir möchten mit diesem WhitePaper Ihren Blick über den unreflektierten Jubel der Euphorisierten aber auch über die oberflächlichen Verteufelungen der Verängstigten hinaus lenken. Denn mit dem Outernet werden auch über Ihre Geschäftsmodelle wesentliche strategische Veränderungen ungefragt hereinbrechen, die Sie besser schon vorgedacht haben.“
Warte ich nun ab, bis es soweit ist? Oder lese ich vorsorglich das Bedienerhandbuch?
Alles lesen
Nov 26
FranzFundstücke
Wunderbare Scheherazade
Entweder leidest du unbemerkt an einem Mangel oder, ebenso unbemerkt, eben nicht. Ich habe deine Mutmaßungen mit Staunen gelesen. Ahmad ist manchmal über Stunden nicht aufzufinden und auch die Knaben verkrümeln sich.
Ich denke , du brauchst dir keine Sorgen zu machen.
Die Knaben nutzen die unbekannte Freiheit und entledigen sich aller Fesseln einer Kontrolle. Zudem haben sie das Erlebnis von etwas, was sie vorher noch nie hatten: selbstbestimmte Zeit. Und sei nur froh, dass sie mit Zeit noch etwas anfangen können.
Ist es nicht doch so, dass viele Leute, die das von sich glauben, dazu gar nicht (mehr) in der Lage sind? Wird nicht generell mehr Zeit verbracht als durchlebt? Ganz eigentlich nur tot geschlagen? Und selbst auch von mir bewunderte Leute, die vor Aktivität und Unternehmungslust zu platzen scheinen, die so sooo viel unternehmen… setzen sich mir oft dem Verdacht aus, nur einem Aktionismus zu unterliegen, damit sie ja immer von sich abgelenkt sind. Da wird oft das eine getan, was hätte auch etwas anderes sein können, egal was, Hauptsache irgend etwas. Unterm Strich haben die sicher mehr auf dem Ereigniskonto, zugegeben. Doch… ich sage es brutal: an manche Bäume pinkeln die Hunde einfach öfter. Hat keine Auswirkungen auf das Holz! Erlebt? Was ist so intensiv und dann nachhaltig persönlichkeitskonstituierend, dass von echter Bereicherung gesprochen werden kann, dass ein Stück Sehnsucht entfällt oder auf Wiederholung drängt? Gerade heute sind Menschen so oft in der Zeit und den Terminen, wie Verpflichtungen gedrängt, dass als der sehnlichste Wunsch nach freier, selbstbestimmter Zeit geäußert wird. (ersatzweise sogar nur nach Geld – weil, dann hätte man ja wohl ausreichend freie Zeit und mit dem Geld könnte man viel anfangen…) Und wenn sie dann die Zeit haben, wissen sie nichts damit anzufangen. Als plötzlicher „Ruheständler“ fehlt unvermutet der innere Antrieb das eigene Leben aktiv zu gestalten. Sie verharren im Durchhalten, weil das Leben so kostbar ist. Andere dagegen sind auf lebenslanger Entdeckungstour, voller Neugier, Tatendrang und Gestaltungswillen. Dabei geht es nicht darum, anderen einen (Macht)Stempel aufzudrücken, sondern sich höchstselbst in eine Kontur zu bringen, sich selber zu entdecken. Ob es mehr oder weniger fesselnde äußere Dinge und Ereignisse gibt, bleibt da völlig gleichgültig. Wir wissen einfach nicht, wie intensiv und erlebnisreich die innere Welt eines unbewegt scheinenden Yogi ist.
Diesen Drang, die Welt und sich zu selber zu entdecken, ist wirklich jedem Kind zugegeben und erst die Jahre der erziehenden Lebensertüchtigung schleifen das ab und merzen das aus. Erfolge sind nicht immer förderlich, denn gerade Misserfolge zeigen Grenzen, die überwunden werden können.
Mein Beileid den artigen, folgsamen und erwachsenen Kindern.
So wird also manches schrunde Knie und manche Blessur von Selbsterfahrungen zeugen. Schau nur hin. Berge locken, hinter jedem Stein könnte die Höhle von Ali Baba versteckt sein und jedes Tier ist eine ganz eigene Herausforderung. Deine Welpen sind welche von Tigern und Elefanten und wollen dies auch von sich selber glauben können. Also müssen sie sich testen. Das wird dein besorgtes Herz nicht beruhigen können, wissen wir doch alle, einige Erlebnisse sind furchtbar endgültig. Aber du kannst sie nicht wirklich schützen und nicht ewig beistehen. Je mehr du verurteilst, desto weniger wirst du einbezogen. Zeig deine Haltung und lass Ihnen ihre. Die ist wandelbar nach dem Fortschritt eigener Erkenntnis. Bedenke, jeder hat ein Recht auf Unglück, Leid und Hoffnung. Dem fertigen Glückskind wäre all dies schon genommen.
Und bedenke weiter, in dieser Auszeit, während der deine Kinder vermeintlich nichts lernen, bilden sie sich. Bildung. Bildung hat ja nur auch was mit Wissen zu tun und nichts mit Intelligenz oder Klugheit und ist so unendlich mehr als schlichter Lernstoff. In Bildung ergießt sich das innere Sein und wird zum Bild seiner selbst. Gebildet eben.
In späteren Zeiten wird man Bildung wieder nur durch das Brennglas des Geldes betrachten. Frack , Livree oder Köhlerhemd, kann man Erzieher und Professoren bezahlen und wer war wann in welchem Kunsttempel? Und effizient soll Bildung später mal werden, weil sie doch so teuer ist. Deshalb werden Lernmaterialien ausgegeben, die direkt und ohne Umweg zum Erfolg führen. Irrtum ausgeschlossen. Lernen statt Denken. Aber ich will mich nicht ereifern.
Kurz, lass die Kinder die Wunder der Natur erproben. Die passen aufeinander auf. Ardeschir von vom jüngeren Mihradschan gebremst, fühlt er doch die Obhutspflicht des älteren und umgekehrt lenkt der jüngere durch anderen Blickpunkt und geminderten Kraftreserven. Und du selber, solltest auch von beiden abschauen, dass auch du am nächtlichen Feuer Erlebnisse zum Besten geben kannst.
Und Ahmad? Lächle! Er ist schließlich ein stattlicher Mann in rüstigem Alter. In so manchem Dorf wird bald der Stern von Bethlehem leuchten. Ganz gleich, ob er vor Tatkraft platzt und doch zu nichts nutze ist oder gehemmte Aggressivität seinen Körper zeichnet, du wirst wissen warum. Schließlich versteckt sich nicht hinter jedem Mandelauge auch der Glanz ganz leidenschaftlicher Sehnsüchte.
Natürlich ist Ahmad nicht der Mann, der in den botanischen Garten geht, um Blumen zu pflücken. Da will zwar auch manche Hecke beschnitten sein, aber Ahmad ist kein Gärtner. Also wird er Neuland erschließen und die wilden Wiesen durchforschen.
Fall aber nicht wieder gleich in wohlmeinend anständige Entrüstung! Auch da schau dich um. Wenn die Wölfin nicht lässt, springt der Wolf nicht so fest.
Auch da ist die Natur unerbittlich. Erblickst du sie, durchzuckt es dich, ihr die Finger in den Nacken zu legen und langsam die Haut hinuntergleiten zu lassen, bis in die Kniekehlen. Du wirst die Dellen und Wölbungen bis zur Selbstauflösung genießen und wirst sehen und fühlen, wie sich die feinen Härchen über dem Steiß aufrichten. Wie die Haut am Hintern sehr fest wird und am Oberschenkel aufglüht. Du bist versucht, seitlich abzugleiten, über die Hügel des Bauches und die Senken des Beckens, eintauchen in geheime Gärten und Falten, in die Mulden des Innenbeins, um bei den knöchernden Antipoden der Knie zu verharren Wieder und wieder. Abgeschirmt vor neugierigen Blicken von eigner und schon auch eigener Lockenpracht. Die Sterne lodern.
Schau dich nur um.
Und sei gegrüßt von mir
Nov 25
FranzFundstücke
Liebliche Scheherazade
Ja, das stimmt. Wenn ich davon sprach, dass die Priester als Opfernder oder als Opfer zum Brandaltar von den Wirtschaftsleuten geführt werden, meinte ich auch, dass schon in den Kindertagen der Menschheit so mancher Schamane sein Ansehen verlor, wenn im Kessel über dem Herdfeuer nur dünne Suppe ohne Fleischbeilage brodelte. Schließlich war es sein Job, den Clan vor Unbill und der Götter Rachsucht zu schützen. Für einen guten Job wurde er ja dann auch gut belohnt. Zum Beispiel mit absolutem Gehorsam.
In der säkularisierten Welt hat man die Allmacht der Priester in spezialisierte Fachbereiche aufgeteilt. Immer mehr Nassauer sitzen an Fleischtrog und Kuchentafel vorm heiligen Schrein und die Bauern und die Handwerker siedeln fortan außerhalb der Schutzburg. Der unmittelbare Zugang zu Gottes Ohr ist verkompliziert und so wundert es nicht, dass vielen heute jede Ahnung vom eigenen Zwiegespräch mit dem Weltenlenker fremd ist. Für die Reinheit der Seele blieb der Priester verantwortlich, dass die auch störfrei funktioniert, dafür wurde der Psychotherapeut installiert, und für die Verwaltung der Vorräte brachte sich der Politiker in Position. Dass es überhaupt was zu verwalten gab, verbleibt als Sorge beim Fußvolk. Gerechte Teilung der Lasten muss schon sein und jede willkürliche Vermengung bringt nur Ungemach.
Sokrates bekam den Schierlingsschlummertrunk mitnichten, weil er sich seinem Gewissen verantwortlich fühlte, sondern weil er mit seinem losen Geplapper den routinierten Ablauf störte, Verantwortung, Lasten und Erträge des Wirtschaftsgeschehens sachgerecht fair zu verteilen. Da kennt dann die Ökonomie weder Gnade noch Verhandlungsspielraum oder hierarchisches Multikulti.
Schließlich braucht jedes Haus feste und gesicherte Fundamente. Experimentierfreiheit gibt es erst beim Dekor von Simsen und Zinnen an der sonst soliden Burg.
Aber wann immer zu neuen Ufern aufgebrochen wird, steht doch immerhin felsenfest: Im Kahn hat nur einer das Sagen.
Zwar hängt von der Kunst von Käpt`n und Steuermann scheinbar alles Leben ab, schicksalsbestimmend sind jedoch die Eigner der Ladung. Die bestimmen das Ziel. Willkommen auf der Titanic, nur keine Panik! Und stolz flattern die Fahnen am Mast. Und wuchsen einst immer höher.
Nachdem dann durch viele Fehlversuche ermittelt wurde, wie das optimale Verhältnis von Länge, Breite und Höhe solcher stolzen Galeonen ist, bevor der Kahn in den Wellen instabil einfach umschlägt, ging es dann vornehmlich um Größe. Größe verhieß Sicherheit, verhieß Stabilität und verhieß auch eine gewisse Unangreifbarkeit vorm Fraß der Wellen. Logisch, dass dies irgendwie auch bezahlt werden musste. Mit der schieren Größe des Liners wuchsen die Anforderungen an das Zusammenspiel aller inneren Teile und wer sich an den Aufstieg vom Kielschwein zum Sonnendeck machte, hatte einen immer weiteren Weg vor sich.
Dem maritimen Vorbild folgten landauf landab die Herdenwächter und Handelssyndikate. Größe war gut. Wachstum unabdingbar. Globalisierung nennt sich das. So groß ist alles zwischenzeitlich geworden, dass für den Überblick ganz weit zurückgetreten werden muss oder eben Höhe gewonnen. Details sind dann allerdings nicht mehr erkennbar. Da darf jetzt unbemerkt gepfuscht werden. Merkt man docheh` erst, wenn es drauf ankommt.
Spannend ist heuer trotzdem eine Tatsache, die es vordem nicht gab. Immer wieder brechen die großen Tanker auch bei ruhiger See durch das Gekitzel der vielen kleinen Wellen und Dellen vom Eigengewicht ermattet einfach auseinander. Je größer der Kahn wurde, desto schwieriger wurde es, den Lastbauch mit rentierlicher Ladung zu füllen. Und wo immer der Kahn doch mal sicher in einen Hafen einfuhr, schuf er allein durch sich selber ein Überangebot an Waren, dass die Preise zusammenpurzelten. Billigst konnte der Bedarf gedeckt werden – das freute die Ansässigen !!!- aber wohin mit dem Rest?
Lohnte sich das Anlanden? Und wenn der Rest durch das tatsächlich gehandelte Gut im Wert ausgeglichen werden musste, wurde dies dann doch wieder teuer. Ehedem konnte die Flottille sich teilen und verschiedene Häfen ansteuern – sogar gleichzeitig- jetzt trifft der billigste Überfluss immer auf das zwangsläufige Monopol. Irgendwie scheint stetiges Wachstum anfällig zu machen.
Und auch trockenen Fußes scheinen die festen Fundamente der Belastung des Wachstums nicht mehr standzuhalten. Allein die Versorgung der vom und durch Überfluss genötigten Nichtstuer erfordert gewaltige Anstrengungen. Deren Selbstbeschäftigung bringt aber auch nichts, denn jedes Mehr im Meer des Überflusses mindert den Ertrag aus gesättigtem Bedarf. So generiert Überfluß den Mangel und aus Wohlstand entsteht Armut. Das geht schier über den Verstand.
So werden die Priester mit ihrem Heilsgedanken erneut zur einzig begreifbaren Sicherheit, die Psychofritzen zu überlasteten Pfründenreitern und die Politiker zu verhöhnten Schwadroneuren. Sie sind irgendwie eben das Dekor an Zinnen und Simsen der Burg und wenn der Wind etwas schärfer bläst, vielleicht an diesen sieht man sie bald schaukeln und baumeln.
Gibt es nichts anderes?
Doch gibt es. Wir wissen es längst, scheuen aber noch, die bekannten Pfade zu verlassen, denn im natürlichen Urwald gibt es keine leicht begehbaren Wege. Lieber zwei drei bequeme Schritte in die bekannte falsche Richtung, als sich nur einen halben Schritt mühselig und natternumringt ins Neuland zu wagen. Aber so ist die Wahrheit: Wer in den falschen Zug gestiegen ist, braucht während der Fahrt nicht in den letzten Wagen zurückzulaufen, er kommt trotzdem falsch an.
Kann man denn rein gar nichts tun?
Doch natürlich. Nur eben freiwillig nicht. Nach freiem Willen sozusagen, denn den gibt es nicht mehr.
Zu verflochten und zu kompliziert das alles. Da drücken überall die Zwänge, denen zu gehorchen unumgänglich ist. Erst muss man sich beweisen, bevor man Vertrauen erlangen kann. Wer vertraut schon dem Unkundigen? Niemand. Bestenfalls dem Besseren. Und bei dieser Jagd nach den besten Spitzenwerten, welche unter den vielen Guten als Spitze eben auch etwas Extremes haben, wurde jener schwächere Wert des Optimums vernachlässigt. Wer sich dem dynamischen Wachstum verschreibt, ist geradezu zwangsläufig dem simplen Gipfel abhold. Das Optimum hat ja bekanntlich zwei Schwachpunkte.
1. Warum sollte man damit zufrieden sein, wenn Besseres zu haben ist?
2. Das Optimum verlangt ein klares Ziel, an dem es austariert werden kann!
Und damit, liebste Scheherazade, überlasse ich dich dem Grübeln, wofür und zu welchem Ende ihr eigentlich die Jagdreise unternommen habt, wenn wieder mal die Kälte zwickt, die harten Stiefel drücken und der Fang am Bratspieß so unzureichend dürftig aussieht.
Ich beneide dich jedenfalls drum.
Und bin bei dir
Nov 25
FranzFundstücke
Liebste Scheherazade,
Ich habe so gelacht und danke für die heitere Botschaft. Ja, es stimmt, schon immer wurden die Priester vom Geschäft an den Altar geführt, entweder zum Opfer oder eben als Opfer. Da ist die berichtete Episode allerliebst. War der Mann wirklich so augenzwinkernd beflissen? Die Wunderlampe des Aladdin scheint mir da preislich ein Schnäppchen und in der Potenz wie gestriges Brot gegenüber einem wogenden Weizenfeld. Der Mann muss Spross einer Familienmischung von Aaron und Nasreddin gewesen sein. Ich habe mich köstlich amüsiert. Und die Rekrutierung aller lebenden Seelen im Umkreis , Männer, Frauen und Vieh für seine „Selbstlosigkeit“
spricht für großes politisches Talent. Damit sich die Talente entfalten können, hättet ihr ihm den Weg in die Stadt weisen sollen. Aber solch gutwilliges Verderben wird es wohl immer wieder geben. Auch wenn Neid und Missgunst beim Dr. Eisenbart Wahrheit und Lüge einander verkehrten, mag im wörtlichen Sinn die Strophe zutreffen:“ Ein alter Bau’r mich zu sich rief, der seit zwölf Jahren nicht mehr schlief, Ich hab’ ihn gleich zur Ruh gebracht, Er ist bis heute nicht erwacht.“ Wobei im Liede die Fürsorglichkeit nicht abgestritten wird: „Vertraut sich mir ein Patient, so mach’ er erst sein Testament,
Ich schicke niemand aus der Welt, bevor er nicht sein Haus bestellt.“
Aber so ist eben die Unverwüstlichkeit des Volkes. Immer. Ich kann da ein jüngstes Beispiel anführen.
Leider nicht so lustig, auf den zweiten Blick zumindest bizarr. Lauthin schallt der Wunsch nach direkten Volksentscheiden, welches selbstbestimmt über das Schicksal richten soll. Klingt erst einmal gut. Und gut demokratisch soll auch jede Hand und jeder Kopf eine Stimme haben, damit es gerecht zugeht. Rein sachgerecht und fachlich entscheidet also immer eine Mehrheit von Unkundigen und Ahnungslosen über den Ausgang einer Wahl, ganz egal, worum es auch gehen möge. Ähnlich als wenn sich der Herzchirurg über den Narkotisierten beugt und lediglich dem Mehrheitsbeschluß der im Nebenzimmer auf die eigene Behandlung Wartenden folgen würde.
Jüngst fand in Bayern ein Volksentscheid zur unseligen Sitte des Tobakkonsums statt und die überwältigende Mehrheit von 26 % der Stimmberechtigten haben einen hohen Schutzwall der Raucher vor sich selber errichtet. Das Rauchen ist verboten worden. 36 % haben sich der Wahl gestellt und 64% fanden das Thema eher unerheblich und nahmen nicht teil. Von den Wahlbeteiligten fand aber die Mehrheit eben das Rauchen höchst ungesund. So schädlich gar, dass dem Raucher kein Urteilsvermögen mehr zuerkannt werden konnte und die vor sich selber bewahrt werden mußten.
Es ging nämlich nicht darum, ob das unbekümmerte und jederzeitige Rauchen gebilligt werden darf, das, war schon untersagt, nein, es ging darum, ob der Raucher in zurückgezogenem und isolierten Refugium unters gleichen sein Pfeifchen schmauchen darf. Das ist nun untersagt. Zumindest in diesem Punkte ist Selbstbestimmung des Einzelnen erst einmal abgeschafft. Wieder ein Verbot mehr. An der Summe der Verbote mag man den Grad der allgemeinen Freiheit ermessen. Einsicht in die Notwendigkeit nennt man dies wohl. Interessant fand ich schon immer die Strafbewährung eines anderen Verbots. Die ultimative Lösung von Unwilligkeit – den Freitod. Auch der ist untersagt. Und
da ein Verbot ohne Strafandrohung wirkungslos ist, muss eine Strafe her. Im Verschulden aller, dass dem Delinquenten der Tod als erträglicher als das Leben schien, muss sicher auf eine Gruppenhaftung zurückgegriffen werden. Wie wäre es mit einem Bußgeld? Hier öffnet sich dem kreativen Fiskus ein weites Feld. All die Aufwendungen der Gemeinschaft, die in langem (und immer längeren!) Arbeitsleben hätten abgegolten und entlohnt werden sollen, hat der Selbstmörder betrogen.
Das kann und darf nicht straffrei sein. Jedes Konto muss schließlich ausgeglichen werden. So besagen es die Gesetze der Natur und der allgemeinen Physik.
Für solche grundsätzlichen Lösungen bedarf es solch findiger Leute, wie von dir so amüsant berichtet.
ich will da noch mal an Nasreddin erinnern. Der hatte doch den erbosten Wirt, der diesen geschäftsschädigen vermeintlichen Penner vertreiben wollte, den lieblichen Garküchenduft mit dem puren Klang seines Goldes entgolten. Essen gegen Münze wurde nicht getauscht, aber Duft gegen Klang. Jeder gibt nach seinen Möglichkeiten. Immerhin eine sehr genügsame Formel…
Ich wünsche euch weiterhin spannende Abenteuer und beste Gesundheit
Nov 23
FranzFundstücke
Liebste Scheherazade,
der Thronsaal ist verwaist. Ihr seid unterwegs. Gedanklich bin ich bei euch. Deshalb sende ich auch diese Briefe weiterhin, wohl wissend, dass diese dich nicht unmittelbar erreichen und sicher auch nach eurer hoffentlich glücklichen Rückkehr kaum gleichwertige Ablenkung sein werden, von der Aufarbeitung der Reiseerlebnisse und der Notwendigkeit, aktuelle Schicksalslenkung wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Das ist nicht schlimm für mich. Und auch nicht traurig. Es ist doch so, dass auch hier und heute in meiner Zeit und in der allgemeinen Kakophonie der Verlautbarungen sich wahrlich niemand für meine Reflexionen interessiert. Es sind Gedankenangebote, die nicht beworben werden sollen.
Nun ist die vorliegende Zeit dir sicher auch und jedem einzelnen der kleinen Reisegesellschaft ganz unmittelbar Anlass und auch Gelegenheit, sozusagen in einer Auszeit, eine Brücke vom Bisherigen in das Werdende zu schlagen. Belohnung für Vergangenes und Kraftsammlung für die Zukunft. Was soll werden, was kann man erwarten, was muss getan werden? Worauf freue ich mich, was will ich und was läßt sich nicht vermeiden und bedarf meiner besonderen Aufmerksamkeit? Die Stunde der Ideen. Ganz dem Jetzt verhaftet, verschafft das unübliche Tun, welches die höchste und ungewohnteste Aufmerksamkeit verlangt, jenen unbemerkten Leerlauf zur Verarbeitung des anders gewesenen Alltags in der eigenen Seele, der dunklen Seite des Spiegels vom Ich, und plötzlich begreift man: Dieser Leerlauf war eigentlich ein Lehrlauf! Alles wie ein intensiver Traum mit vertauschten Vorzeichen und changierender Wirklichkeit. Was wäre wohl realer? Die über die Sinne vermittelte fremde Wirklichkeit oder die Selbstgeburt im eigenen Sinnentheater?
Fragt man heute, wie denn die Welt wohl in 100 Jahren aussehen werde, sind die Reaktionen sehr differenziert. Permanent sind wir heute mit Prognosen, Trends und Ausblicken konfrontiert. Selbst die tägliche Wettervorhersage ist ja eigentlich eine solche. Die Anforderungen des Publikums an den Genauigkeitsgrad der Vorhersage wächst von Woche zu Woche. Gewissheiten sind gefragt. Einher geht damit der Verzicht auf Visionen. Visionen sind ungewiss. Würden die Visionen geliefert werden mit gerichtstauglichen, einklagbaren Garantiezertifikaten, sähe die Sache natürlich anders aus!
Kinkerlitzchen – mit schlimmen Folgen, die aber niemand fürchtet…
100 Jahre sind eine lange Zeit. Deswegen, wenn denn jemand eine Voraussage wagt, erliegen die Mutigen fast automatisch der Depression und malen Horrorszenarien. Gespeist wird diese negative Grundhaltung aus jenen Prognosen für kürzere Zeiträume, – obwohl die geradezu missionarische Konjunktur haben – weil sie selten richtig liegen! Erwartet wird kontrollierte Exaktheit und Verlässlichkeit. Alles ein Kostenfaktor. Das Leben hat eben seinen Preis. Phantasien auch. Ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann oder mag. Bedenkt man, dass Phantasie früher der preiswerte Luxus der Ärmeren war und (gleichzeitig!) die einzig sichere und tragfähige Sprosse in der gesellschaftlichen Aufstiegsleiter, werden die Unterschiede zwischen gestern und heute deutlich. Unterschiede, die man eigentlich nicht sehen, nicht hören und auch sonst nicht fühlen kann, nicht wiegen oder messen, nicht kategorisieren oder idealisieren… Die Unterschiede betreffen das Lebensgefühl und die molekulare Verdrahtung des Selbstgefühls in den Köpfen der Befragten.
Da ist es spannend, dass aktuell bei Olms ein Buch faksimiliert wurde, welches den visionären titel trägt: „Die Welt in 100 Jahren“. Der Bestseller wurde vom Journalisten Arthur Bremer geschrieben und 1910 publiziert. Und siehe, wenn den damaligen Gedanken die Erbsenzähler und Meßdiener zu Leibe rücken, befällt sie Blindheit oder Erfurcht. Staunenswerte Welt.
zumindest finde ich es erstaunlich, in welchem Maße meine Unmittelbarkeit durchfunktionalisiert schon ist, die Visionen, Ziele und Leistungsplanungen nicht mehr differenziert. Der Run auf den mittelfristigen Trend ist der Tatsache geschuldet, dass im Roulettespiel des Lebens, dessen Zentrum die Silberlinge des Judas sind, ein jeder glaubt, im Trend könne man sich gottgleich eine Zukunft vorherbestimmt erarbeiten….
Staunen kann man im Rück- und Vorausblick gleichermaßen. Da war sich das Sohnespaar von Lapetos ja herzinnig zugetan. Epimetheus lauschte dem Prometheus und dieser dem. Allein fanden beider so verschiedene Gabe aber kein gemeinsames Tun.
Zukunft ist eine Lücke zwischen Soll und Sein und bleibt unvorherbestimmt. Nicht den allmächtigen Göttern aber dem Menschen - mag er auch täglich das Schicksal befragen. Es ist die Rebellion gegen das Unvermeidliche, was den Ausweg schafft. Da sind wir alle die leidenden Erben des Prometheus und die bleibenden Opfer des Epimetheus.
Zur oben benannten erneuten Kenntnisnahme einer gedachten Zukunft der Vergangenheit will ich die erhoffte Zukunft späterer Vergangenheit gegenüberstellen. Mir schrieb ein Mann der sich dem Filtern möglicher Zukünfte verschrieben hat und dessen überzeugende Gedanken sich mir warnend in mein Denken brannten. Diesen Brief lege ich bei, stellt er für dich nur eine irreale Zukunft vor, an deren Konkretisierung du aber durchaus unablässig Teil hast.
Ich grüße dich herzlichst
Hier der Brief:
„Sehr geehrter Herr Wanner,
der 2b AHEAD ThinkTank hat schon lange nicht mehr so viele Reaktionen auf unsere Trendanalysen bekommen, wie vor drei Wochen, als ich die ersten Ergebnisse der Trendumfrage: „Welche Technologien wird es 2020 nicht mehr geben?“ veröffentlicht hatte. Dies scheint die These zu belegen, dass die meisten Entwicklungen in den Unternehmen nicht durch das Erkennen neuer Chancen, sondern durch die Gefahr des Untergangs angestoßen werden.
Aus diesem Grund möchte ich Ihnen den zweiten Teil jener Umfrage nicht vorenthalten. Ich hatte bei dem vergangenen 9. Zukunftskongress des 2b AHEAD ThinkTanks die teilnehmenden 200 Innovations-Köpfe nicht nur danach gefragt, welche Technologien es im Jahr 2020 nicht mehr geben wird. Sondern ich hatte auch nach den verschwindenden Geschäftsmodellen und Prozessen gefragt. In einem interaktiven World-Café-Format wurden während des Zukunftskongresses diese Prognosen gesammelt und debattiert. In einer zweiten Umfragerunde habe ich die Nutzer der iPhone-App des ThinkTanks nochmals um eine qualitative Bewertung gebeten.
Heute stelle ich Ihnen die Ergebnisse des zweiten Umfrageteils vor. Lesen Sie in der heutigen Trendanalyse, warum es 2020 unter anderem keinen Feierabend, keine Reisebüros, keine Zählerableser, keinen Videoverleih, keine Firmentreue, kein festes Renteneintrittsalter mehr geben könnte. Und lesen Sie vor allem, welche Konsequenzen dies für Ihre Geschäftsmodelle haben wird, welche Risiken aber auch welche Chancen entstehen.
Hier geht es zu den Ergebnissen der Trendumfrage: Trendumfrage „Welche Geschäfte und Prozesse es 2020 nicht mehr geben wird“
Ich wünsche Ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit
und grüße Sie sehr herzlich“
Nov 22
FranzFundstücke
Liebste Scheherazade,
danke. Anders, als gedacht. Gänzlich anders. Nie hätte ich gehofft, du würdest vor der Abreise noch einmal die Zeit für ein Schreiben finden. Nunmehr bin ich allerdings nur noch stärker interessiert, dir die weite des Himmels und die Erfahrungen des Paradieses in den kommenden Tagen zu wünschen und dir gleichsam als Auftrag zu erteilen. Und ich verstehe jetzt besser den Glanz der Vorfreude und die Unruhe der Vorbereitungen.
Ich hatte gedacht, es handele sich um eine staatstragende Repräsentation und einen Auszug mit Pomp und Musik erwartet, das, was wir heute eine Safari im Kolonialstil nennen würden und erfahre nun, gleich heutiger Rücksacktouristen wollt ihr euch wörtlich in die Büsche schlagen. Wo mir aber der Atem stockt: nur zu fünft.
Das werden aufregende Wochen. Ich garantiere euch, bei der Rückkehr wird keiner mehr sein, wie er vordem war, dafür aber einen Erinnerungsschatz im Herzen tragen, der ein Leben lang vorhält und eher wächst als abnimmt. Dabei ist unerheblich, ob es dramatische Ereignisse geben wird oder nicht.
Jetzt begreife ich die Aufregung. Natürlich träumen die beiden Knaben von Abenteuern, vom siegreichen Kampf gegen allerlei Unbilden und trickreicher List gegen Kobolde und Ungeheuer. Ganz insgeheim werden sie wohl einen Flug auf dem Simurg schon eingeplant habe. Besonders Ardeschir, der ja alt genug ist, eine echte Jagdwaffe zu führen, wird wohl vor Stolz nicht laufen können. Der jüngere Mihradschan wird genug mit Pferd und Zelter beschäftigt sein. Gut, wenigstens für den treuen Ahmad wird es kein Zuckerschlecken sein, die beiden zu bändigen und euch somit in etlichen Stunden auch mal den Rücken frei halten. Ich finde es gut, wenn die beiden Knaben ganz praktisch vor Augen geführt bekommen, dass nie genug Respekt dem Können und der meist höchsten Lebenskreativität der fast immer unsichtbaren Dienerschaft entgegengebracht werden können. Ahmad wird das schaffen, da habe ich keine Sorge, ist er doch selber fast schon Legende. Aber es ist auch eine Herausforderung für ihn. Zumindest für ihn dürfte jede Gebirgsquelle wie ein Gruß von SemSem sein. Allah wir ihn stärken. Ihr beiden selber seid zu beneiden. Er wird neuerlich überrascht werden, welche Frau ihm da zur Seite steht und du… bleib neugierig auf die bisher unbekannten Seiten deines Mannes! Jedenfalls bin ich mir sicher, du wirst in den Armen einer ungezähmten Natur deren fürsorgliche Unerbittlichkeit und Unabdingbarkeit schätzen lernen. Freude und Leid sind gleichermaßen ein Geschenk – eines dass man nicht ablehnen kann. Gebt auf euch Acht und bevorratet euch mit warmer trockener Kleidung. Klar, die unsichtbaren Mächte wirken immer, doch Dschins wohl mehr in den frostigen Nebeln ab 2 Uhr. Wie ihr den menschlichen Dämonen entkommen könnt, bleibt abzuwarten.
Der unerwartete Tod der alten Hajjat betrübt mich sehr, auch wenn er sanft und erfüllend war. Gedenkt ihrer mit Ehre.
In meinen Zeiten ist der Tod etwas Fremdes geworden. Und zudem ein Ereignis, welches man sich nicht mehr leisten kein. Mag der Tod umsonst sein, ist er eine Belastung, die sich die Hinterbliebenen nicht antun können, auch wenn sie es wollten. Wie ich dies meine, will ich euch ausführen, gerade weil ihr es in den nächsten Tagen an den Saumpfaden der Allmacht sicher ganz anders erleben werdet.
Je entrückter der Tod dem Lebensalltag wird, desto mehr Macht gewinnt er auch. Aus dem euch noch vertrauten „per Du“ wird ein unwirklicher Schicksalsschlag, wo für Gedenken und Aufrechnung keine Muße bleibt und einfach nur – materiell und organisatorisch - entsorgungspflichtige Reste ganz unversehens auftürmt. Dem Hinterbliebenen steht eine höchst wirkliche und doch dämonische Abwicklungsordnung gegenüber, wo jeder Passus ein gesonderter und ruinöser Studiengang darstellt. Was mich kürzlich besonders verblüfft hat, ist die Bestattungszulassung des Verstorbenen selber. Da Pietät und Huldigung der Menschlichkeit besondere Verpflichtungen auferlegt, dürfen Tote nicht mehr beliebig verscharrt werden oder als gedenkendes Brandopfer den Göttern gleichgestellt.
Eine Bestattung ist heute ein durch und durch behördlich durchgeregelter Vorgang, bei dem Hinterbliebene lediglich bezahlende Statisten sind. Und wehe, die können nicht zahlen. Dann wird eben auch nicht bestattet. Punkt. Womöglich erleben wir noch die kostengünstige Bestattungsform der Kompostierung. Ökologisch korrekt natürlich und schon deshalb auch nicht unendlich billiger.
Als vor Jahren die Krankenversicherungsreform durchgeführt wurde, jene solidarische Pflichtversicherung der Ärmeren als Finanz- Rücklage für Krankheitsfälle wurde endlos über eine neue Zusatzzahlung als quartales Eintrittsgeld in Arztpraxen diskutiert. Das war etwas Neues. Dabei ist unbemerkt etwas Altes und Bekanntes entfallen, das Sterbegeld. War zuvor mit der Einzahlung ein Arbeitsleben lang etwas abgezweigt worden, um nach dem Ableben würdevoll beerdigt werden zu können, fiel dies jetzt weg. Das blieb undiskutiert, denn wenn der Lebende zusätzlich etwas zahlen soll, ist das allemal beachtenswerter, als die Streichung eines Postens, den man zu Lebzeiten nicht vermissen wird. Und danach interessiert es nicht mehr, wird Sache der Hinterbliebenen. Im Trauertrübsinn oder auch zähneknirschend zahlen die die Kosten ehrenhalber oder aus Anstandstrotz. Nun sind aber zwischenzeitlich die Kosten der Leichenentsorgung erheblich gestiegen, während gleichzeitig öffentliche oder versteckte Armut breiter Bevölkerungskreise grassiert. Immer öfter können Hinterbliebene nicht zahlen. Dann treten öffentliche Hand und Kommune ein – so lautet die felsenfeste Gewißheit. Machen sie – wenn die Bedürftigkeit der Hinterbliebenen bis in den 2. Grad nachgewiesen wurde! Und das kann dauern, denn 2. Grad kann auch einen unbekannten Verwandten in Übersee bedeuten…. Bis zur Klärung wird nicht bestattet sondern gebührenpflichtig gekühlt und geeist. 30 Euro je Tag. Nach Monatsfrist kommt dann nur ein kleiner Bruchteil der Sowieso-Kosten, aber immerhin doch beinahe ein Monatsnettoverdienst, auf den unbekannten Zahlungsverpflichteten hinzu. Derweil versucht so manche arme Witwe den Kindern zu erklären, warum der Vater weiterhin unbeerdigt bleibt. Irgendwann ist dann die Leiche im Kühlraum aber eine Sache der öffentlichen Ordnung, weswegen das Ordnungsamt die Sache in die Hand nimmt und den Leichnam irgendwo kostengünstig verbrennen läßt und die Asche als Bodendünger vor Ort verwertet. Die immer noch mit dem Sozialamt um die Kostenübernahme wegen Bedürftigkeit hadernden Anverwandten werden unversehens mittels Kostennote und Erstattungsbescheid vom Ordnungsamt informiert, der Sachfall ist erledigt. Trauerarbeit und Abschiedgruß reduzieren sich auf die letzte Träne, die unversehens auf kommunales Rechnungsdokument herniederfällt. Das erspart auch die zukünftigen Ausgaben für Blumen und Gedenken, da ja unklar ist, wo genau der Tote so kostengünstig seine letzte Ruhe fand. Ruhe hat dennoch der Hinterbliebene selber nicht, denn jene Rechnung vom Ordnungsamt muß bezahlt werden… Ratlos und schuldvoll steht die Witwe nunmehr mit dem handschriftlichen letzten Willen und einem Rückblick auf 52 Ehejahre… Altpapier was sonst?
Ach Scheherazade, ich bin mir sicher, du bewahrst ein ehrendes Angedenken an die vielen Jahre mit der guten Hajjat und hast sie würdevoll und angemessen auf dem letzten Weg begleitet.
Nun denn, gedenke der Nichtigkeit allen irdischen Glanzes und der unersetzbaren Einzigartigkeit tatsächlicher Erlebnisse, die, so flüchtig sie zu sein scheinen, dennoch nachhaltig und unzerstörbar unser aller Existenz begründen und Dauer geben.
Ich wünsche euch Erfüllung in der kommenden Zeit, Saat und Ernte zugleich.
Mit Grüßen und Hoffnungen
Nov 19
FranzFundstücke
Liebste Scheherazade,
in der Muße des Augenblicks schreibe ich Ihnen erneut. Ich fiebere mit Ihnen. Morgen also beginnt das erhoffte Abenteuer. Es wird gut werden, da bin ich ganz sicher. Es wird gut, nicht weil es gut werden muss, sondern weil es ergebnisoffen ist. Dann bleibt jede unsinnige Erwartung zurück und jedes Ergebnis ist eines, dass sich aus den Vorgängen ableitet. Bleiben Sie neugierig.
Wie schon letztens anders formuliert, verwirklichen wir uns alle auf dem Weg zum Ziel und nicht im Ergebnis. Nur wollen das die wenigsten wissen, vielleicht um sich selber leichter ertragen zu können.
Aber wem sage ich das? Mir selber.
Bin ich doch genau bei diesen Gedanken auf die Antwort für meine Frage gekommen, warum uns wohl so viele Geschichten jener magischen Nächte überliefert sind, aber eben doch in begrenzter Anzahl. 1000+1 sind ja eben nur viele und doch nahe an der Unendlichkeit.
ja tatsächlich habe ich oft darüber nachgedacht, warum die inzwischen schöne Gewohnheit der allabendlichen Lust in sinnendem Geheimnis des Kerzenscheins sich Geschichten zu erzählen, so plötzlich für beendet erklärt sein sollte. Eine technische Bedingtheit nur. Anders kann ich mir das nicht erklären. Ein zarter Schleier, der den begierigen Zuhörer sanft ausschließt, um die traute Gewohnheit nur intensiver und privater genießen zu können. Schon lange zuvor mögen abwechselnd Geschichten in der Gemeinschaft erzählt worden sein, bestrebt sich würdig zu zeigen, zu fesseln und den erhaltenen Genuss tausendfach zu entgelten. Womöglich erschloß sich so schon den gedeihenden Kindern ein ahnender Ausblick auf die kommende Welt. Sie mögen nicht jedes Geheimnis enträtselt haben und sicher blieben den Kindern manche Passagen im Dunkeln, doch lauschten sie mit stillem Sehnen und erhielten urtypischste Verhaltensrichtlinien in den Personen des Aladdin, Ali Baba, den Schustern und Sultanen, Magiern und verlorenen Seelen, bevor dann das Raunen des Erzählers sie in die Traumlande weiterschickte.
Nein, ich bin mir sicher, dass sich noch heute allabendlich die Runde zusammenfindet, um heiter den Weg von der Tagesmühsal unter den göttlichen Sternenbaldachin zu finden. Und die Weglotsen werden wohl weiterhin wechselnd sein.
Dinarzade hat jene Jahre nie kommentiert, aber mit welcher Sorgfalt sie Sorbet und Konfekt bereithält und die Wasserpfeifen pflegt, zeigt die Gewohnheit, da auch sie allabendlich einen losen Freundeskreis empfängt, der einander vertraut und sich zugetan ist. Sinnfindung nennt sie es.
Ich finde dies sehr weise. Ohnehin kann das Unverhoffte nicht gesucht werden. Ich durfte einige Male dabei sein.
„Wer nach Sinn fragt, ist krank“ soll Siegmund Freud einst gesagt haben. Zumindest wenn ich dem Autor glaube, dessen Glosse ich soeben mit Gewinn gelesen habe. „Das autistische Unternehmen“ hat Reinhard Sprenger, so heißt der Mann, diese im Manager Magazin überschrieben. Er zeigt, dass niemals ein Sinn im Selbstzweck gefunden werden kann, was heute wohl nicht vielen mehr leicht einsehbar sein kann, aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte. Jedenfalls hat mich das an meine Befürchtungen erinnert, die ich hege, seit hier so unverdrossen an die Großproduktion von Seiden gedacht wird. Noch weis niemand, für wen das passieren soll, aber es werden Marktwerte berechnet, die mir sicher garantieren, dass die Unvergleichbarkeit eurer Geschenke unerreicht bleiben wird. Ich erinnere an meine Vorstellung von Güte.
„Sinn“ ist ja kein Wert an sich, der beliebig in Truhen und Körben bewahrt werden kann, sondern immer lebendig aktuell aufschimmert. Diesen Wert trägt jeder in sich selber und kann auf kein Konto zinsbringend eingezahlt werden. Wenn aber das Potential von Sinn weggegeben wird, jene Idee einer besonderen Zukunft, dann müssen eben Götzenbilder den einzigen Gott ersetzen, die zwar keinen Wert, wohl aber einen Preis haben… Mir fällt da sofort das betroffenen Gesicht von Moses ein, das war bei diesem so ernsten Mann schreiend komisch, als er vom Berge nieder stieg und in eben diesen Niederungen sein heiter trunkenes Volk im wilden Tanz um das arme Kalb fand. Mit Bändern geschmückt und auf dem Podest arg verängstigt, war das Vieh. Auch das goldene Kalb ist eben nur ein Schlachtopfer, dessen beste Stücke nicht für alle reichen…
Aber noch einmal zur Glosse. Da steht pointiert: „Sinn.. verweist nun nicht mehr nach außen, über das Unternehmen hinaus, auf die Gesellschaft – sondern ist auf sich selbst zurückgezogen. Damit fallen Mittel und Zweck in eins..“ und weiter „Ein Gefühl der Erstarrung hat die Leistungsfreude verdrängt, die schleichende Melancholie der Sinnentleerung“
Den besten Beweis dafür liefert das Heft selber (dem die Glosse entnommen), wenn eine Kolumne überschrieben ist „Die Grenzen des Wachstums“. Alles was in dieser Kolumne geschrieben steht, alles das, ist furchtbar richtig und auch nachvollziehbar, nur das Ganze, also der Text im obigen Zusammenhang, ist gänzlich falsch. Eine Bewegung in der von Scheuklappen vorgezeichneten Spur mag schnörkellos gerade sein, sichert aber nicht den richtigen Weg. Um Gipfel zu erklimmen sind Serpentinen besser, sofern man das Ziel nicht aus dem Kopf verliert.
Das scheint mir auch ein guter Rat für die bevorstehende Jagd, für die ich Ihnen noch einmal ganz herzlich glückvolles Gelingen wünsche und natürlich den letzten Tigern ein unbeschadetes Überleben.
Mit herzlichen Grüßen bin ichimmer bei Ihnen
Nov 18
FranzFundstücke
Liebe Scheherazade,
es ist mir eine Freude, Sie so nennen zu dürfen und fühle mich geehrt.
Allein jenes Lob für meinen Weitsinn darf ich nicht annehmen. Ich hatte das gar nicht bedacht und habe drauflos geplappert. Erst Sie haben mich erleuchtet. Klar, beide haben wir eine gemeinsame Zukunft. Aber ein Großteil Ihrer Zukunft ist meine Vergangenheit – Zeitraum, den wir uns gegenseitig erhellen können. Weil, wie Sie richtig feststellen, unser Gespräch wird nur dadurch möglich, weil Sie im Zeitpunkt des Disputs auch zeitgleich neben mir stehen und dabei dann Ihre Zukunft, die mein unvollkommenes Erinnern ist, viel umfassender als ich schon durchlaufen haben… seltsam diese Vorstellung, wie Sie so wissend in eine unerlebte Zukunft schauen, aber keinerlei Erläuterungen zu den faktischen Entwicklungen benötigen, eher mich und meinen mangelnden Überblick korrigieren können.
Übrigens, als ich berichtete, dass jene Meldung über die erfolgreiche japanische Weltraummission zur Sammlung von Asteoridenstaub , die durch unbeschadete Rückkehr zur Erde abgeschlossen werden konnte, etwas Besonderes hat, meinte ich nicht nur die technische Leistung, sondern das Irritierende, dass dieser Staub auch ein auf der Erde unbekanntes Metall enthält. Ich will dabei nicht darüber witzeln, nun werde auf der Erde ein auf eben dieser Erde nicht existentes Metall untersucht, sondern meine, dass eigentlich im Lomonossowschen Periodensystem kein Platz für solch unbekanntes Metall ist. Die künstlich erzeugten superschweren Elemente zur Fortschreibung der Tabelle wurden zwar experimentell nachgewiesen, waren aber instabil und flüchtig. Hier liegt für mich das Geheimnis: Wenn jenes Erz auch bei irdischen Bedingungen so stabil ist, dass man es überhaupt im Sammelkorb finden konnte, weil es sich eben nicht bei der Landung der Sonde verflüchtigt hat, welcher Natur ist es dann? Wo ist der Platz im Periodensystem der Elemente oder muß dies jetzt neu erarbeitet werden? Sehr, sehr spannend.
Aber zuvorderst soll ich Sie aller herzlichst zurück grüßen und vor allem Dank sagen. Ihre Geschenke haben hier großes Aufsehen hervorgerufen. Die feinen Mossuler Tuche hatten es den Damen natürlich besonders angetan. Die gingen mit wohligen Seufzer von Hand zu Hand und die Vorstellungen zur Verwendung uferten einfach aus. Ein wohliger Rausch für alle Sinne. Die Gewebe waren so zart und durchscheinend und doch so brilliant in Muster und Farben, so weich und verlockend, daß ich so manches Gesicht in Seiden gepresst sah, womöglich aus dem Duft heraus, ein Quentchen Lebensfülle, Abenteuerlust, Fernweh und Liebeszauber zu erhaschen. Sie haben Ihren exquisiten Geschmack bewiesen und dies mit sicherem Gespür, den Genuss über den Pomp zu setzen. Trotzdem glaube ich nicht, dass dem Gewebe allzu schnell die Schere an den Leib geht, denn es wurde eben auch die Kunstfertigkeit dieses Gewebes mit Fachkenntnis beäugt. Man ist wild entschlossen, dem handwerklichen, ja geradezu artistischen Können nachzuspüren und vielleicht sich selber zu erschließen. Gänzlich ausgeschlossen ist dies ja nicht, denn weitreichende Handelsbeziehungen dürften den steten Zustrom vom feinen Gespinnste dieser Maulbeerliebhaber sichern, sowohl zu Übungszwecken wie größerem Gewerke. Natürlich hat man nicht die Hoffnung, 1000 Jahre alte Tradition und über viele Generationen erworbenes Wissen einfach aus dem Nichts zu kopieren, doch dürften mit Fleiß zumindest bescheidenere Ziele greifbar sein. Hiesigen Kaufleuten und dem Marktgeschehen sollte dies von Nutzen sein.
Ich bin da zwischen den Stühlen, denn alles was der eigenen Vervollkommnung dient, ist höchster Anerkennung wert, doch wenn nicht Eigenes hinzutritt und damit auch die örtliche Empfindlichkeit als Besonderheit in die Dinge eingewoben wird, allein merkantile Interessen dominieren, bin ich wenig begeistert. Das bedeutete doch nur ein Mehr an Menge und ein Weniger an Güte.
Meine Wortwahl muss sie verwundern.
Ich erlaube mir im Privileg gesättigter Bedürfnisse eine exaltierte Unterscheidung zwischen Qualität und Güte. Qualität steht mir für Gebrauchsfertigkeit und Güte für Kunstfertigkeit. Jene Parameter der Perfektion sind sicher über moderne Produktionsmethoden schnell und dann gleichbleibend zu erlangen, aber jene Seele der Einzigartigkeit, die den tätigen Schöpfer in sein Werk mit vereinnahmt und Dauer gibt, geht dabei wohl verloren, vielmehr ist solcher von vornherein absent. Da entstehen Gebrauchswerte zum Verbrauch, nutzbar eben. Insofern sind mir aber allemal die unvollkommenen Scherben von der Töpferscheibe lieber, als die makelfreien immer gleichen und vollkommenen Auswürfe der seelenlosen Maschinen. Aber das ist ein Luxus, den man sich leisten muß.
Mir ist schon klar, dass nur die Maschine jene Menge schafft, die alle meine Nachbarn versorgen kann und dies zu einem Preis, den die sich leisten können. Das ist eine gute Sache und höchst löblich. Und trotzdem. Was ist, wenn jenes zum Verbrauch bestimmte Gebrauchsgut einfach in solchen Quantitäten vorliegen, dass auch der unbekümmertste Verschwender das Angebot nicht mal böswillig verbrauchen kann? Nimm 2 oder drei oder fünf, egal, es ist ausreichend vorhanden! Ist dann der Preis die Sache wert? Spätestens jetzt fallen dann Wert und Preis auseinander und dies gleich mehrfach. Und das Schlimmste, in der immer größeren Lücke zwischen Wert und Preis wächst potenziert der Mangel.
Aber so geht der Mensch ja auch mit sich selber um. Die stete Verfügbarkeit und die Konditionierung auf funktionale gebrauchsfähige Norm, entwerten die Besonderheit des Einzelnen. Im Job verläßlich, darf jedermann danach ganz unbekümmert seine Pläsierchen pflegen. Darauf erstreckt sich dann die Wertschätzung nicht mehr, jedenfalls keine, die selber einen Wert hat.
Nun denn, liebe Scheherazade, selbstverständlich erbitte ich mir einen ausführlichen Bericht. Wenn Sie schon eingestehen, ganz abgelenkt und aufgeregt von der angekündigten Jagd zu sein, müssen sie mich auch an den hoffentlich wunderschönen und aufregenden Erlebnissen teilhaben lassen.
Sonst müssten Sie wohl als grausam gelten.
Und so verbleibe ich mit den besten Grüßen
PS
Jenes beiliegende Kistchen ist ausdrücklich von Dinarzade nur für Sie gedacht. Ich selber kann es nicht wissen, doch soll es bedeutsam für das Andenken für Ihrer beider Vater sein. Mehr sagt sie nicht.
Nov 16
FranzFundstücke
An die hoch geschätzte Dame Scheherazade.
Madame, ermutigt durch das Zureden der Dame Dinarzade, Ihrer Schwester, schreibe ich Ihnen diese Zeilen und hege die Hoffnung, damit ein Mittel zu finden, meinen Bedrängnissen Herr zu werden.
Sie selber sind über jeden Zweifel erhaben und somit geschützt und haben überdies vielen Generationen den Mut gegeben, auch in finsteren Zeiten zukunftsfroh zu bleiben.
Sie entnehmen meinen Worten berechtigt, dass ich nicht nur das Raunen jener Erzähler meine, die so helles Leuchten in Kinderaugen zauberten oder jene ungezählten Gelegenheiten, wo sich ganze Familien mit ihren Gästen unterm Sternenzelt am blakenden Feuer zu später Stunde vom Zauber der Geschichten und Abenteuer in den Bann schlagen ließen und sich hierdurch einen eigenen Stern am Firnament gewannen, fortan ein Richtpunkt, eine Orientierung im verwirrenden Gassenlabyrinth aller denkbaren Basare, welche das Alltagsleben bereit hält. Wo man sich feil bietet, seine Haut zu Markte trägt und den Verlockungen des Tandes erliegt. Aufgehübscht wird gelogen und betrogen oder auch nur ehrlich um Vorteile gerungen, wo der Wert schwankt zwischen Überfülle und Einzigartigkeit und je nach Tagesstunde und Gelegenheit,die Nichtigkeit zu blenden vermag oder die Köstlichkeit im Restepaket fast nebenher verramscht wird. Keine Ware wird höher gehandelt als der Mangel, obwohl der wahrlich nicht rar ist.
Verehrte Scheherazade, Sie selber sind immer ein solcher Leitstern im Traumland geblieben. Sie haben gezeigt, die Erfüllung des Lebens findet sich nicht darin, was man errungen hat, oder darin, was man zu erlangen sucht, sondern eben in jener tätigen und nur scheinbar unerfüllten Zwischenzeit.
Als ich mit Dinarzade besprach, wie notwendig , wenngleich mühsam, das Bewahren allen Reichtums sei, schaute sie versonnen über die Horizonte und verwies darauf, dass jede Sammlung , und sei sie noch so kostbar oder ehrbar, eigentlich von verglimmender Lebenskraft sei, sei sie doch nur das vorläufige Ergebnis des eigentlichen Sammelns selbst. Je vollständiger das erhoffte Glück auch sei, desto bitterer würden die Aromen, wollte jemand dieses Glück auch genießen und im Zeitpunkt der allerhöchsten Vollendung läge auch der Moment des tiefsten Verdrusses.
Sie selber sei da aber von geringem Rang im Urteile und verwies auf die Schwester. Jedes Drängen und Dringen half wenig . Ich habe sie geradezu brüskiert, als ich willentlich behauptete, Sie würde
damit geradezu dem Fatalismus das Wort reichen und und letztlich jenen Recht geben, die , mit dem Hinweis auf letztendliche Vergeblichkeit allen Mühens, allein dem heutigem und sofortigem Genuß verfallen sind und sich jeder weiteren Aufgabe verweigern.
Sie bat mich dringenstlich, mich bei Ihnen vorzustellen. Auch ihr sei es persönliches Anliegen und von meinen Bemühungen hänge auch ihr eigenes weitere Wohlergehen ab. Das stürzte mich arg in Verwirrung. Mir ist damit eine Verantwortung auferlegt, der ich vielleicht nicht gewachsen bin, – ja, die ich nicht einmal überschauen kann. Aber Dinarzade verweigerte jede weitere Auskunft.
Obwohl, wie Sie sicher wissen, nunmehr nach dem Hinscheiden des Vaters beider Sohnessohn als neuer Schah Persiens hohe Achtung beim Volk und den Edlen des Reiches erworben hat, steht Dinarzade selber an höchster Stelle der Zuneigung, der je ein Volk zu seinen Herrschern fähig war. Sie ist gesund und war auch guter Dinge, wenngleich ihre Sehkraft nicht mehr die alte Stärke hat und auch die Finger an einstiger Beweglichkeit eingebüßt haben. Das Sticken und Knoten geht etwas langsamer. Doch seien Sie unbesorgt, es geht ihr gut und sie ist allemal die kraftvolle Mutter des Hauses. Da ist keine Gefahr. Grüße soll ich ausrichten.
Und so verbleibe ich heute mit tiefer Dankbarkeit und einer großen Hoffnung.
Nov 16
FranzAllgemein
So ist zumindest die hoffnungsfrohe Vermutung.
Aus dem Fehlen jeglicher Nachrichten läßt sich natürlich genauso die allerböseste Schlußfolgerung ziehen. Sogar mehrfach!
Aber will man das etwa?
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