Befürworter und Jasager
Apr 29
Demokratie und Recht, Gesellschaft, Schwärmereien 1 Comment
sind unterschiedlich. Die einen folgen ihren Erwägungen in der Sache, die anderen dem Padre-Padrone-Prinzip.
Letzteres kann Konsequenzen haben, vor denen schon vor tausenden von Jahren im Gleichnis vom verlorenen Sohn gewarnt wurde.
(Aber Grundlagentexte wie diese oder Verfassung oder Menschenrechte liest ja heute niemand mehr, weil irgendwie doch schon bekannt)
Jedenfalls kann man gerade heute die Auch-Folgen solchen Tuns in der nördlichen Mittelmeerregion besichtigen. Zur Südregion komme ich noch.
Nördlich der Alpen war das Padre-Padrone-Prinzip meist nur in Kombination mit der Erblast der Gefolgschaftstreue bemerkbar.
Nach dem Ende des II. Weltkriegs wurde 60 Jahre die Selbstberuhigung gepflegt, dass eigentlich niemand etwas gewusst oder getan hatte und die Beteiligten mehr oder weniger selber Opfer waren.
Mahn- und Denkmäler wurden als erinnernde Prachtschaustücke errichtet, um sich nicht erinnern zu müssen, Mahnung war sowieso nicht mehr nötig und für „mal Denken“ blieb keine Zeit.
Eigentlich wäre Dornröschens Erwachen angesagt gewesen, zumindest seit der Publikation „Soldaten . Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ (ISBN: 978-3-10-089434-2 ) , aber auch das Autorenpaar ist in Gefolgschaft und beschwichtigt sofort wieder: „Die Wehrmachtsoldaten waren ganz normale Soldaten, sie haben sich auch verhalten wie ganz normale Männer.“( LVZ, 14.04.2011, s. 11)
Aber gut, nach dem Kriegsende gab es womöglich in den kommenden Jahren bis heute mehr Tote durch Kriege als im Weltkrieg selber, was auch den anderen Verhältnissen und Bedingungen dieser längsten Friedensepoche der Menschheit geschuldet war. Jedenfalls auch im Spannungsfeld von Befürwortern und Jasagern.
Dabei schwant mir, dies könne vielleicht nur das Vorspiel zu viel Größerem gewesen sein.
Das glaubt wohl keiner sonst noch und bedarf der Erläuterung.
Einleitungsfrage:
Sollte ich nicht dort hingehen, wo ich mich wohl fühle, wo ich einen Platz unter Gleichgesinnten einnehme?
Hätte ich vor 10 Jahren noch schlicht „Ja“ gesagt, kann diese Frage heute nicht mehr beantwortet werden.
Sollte ich mich etwa unwohl fühlen?
Nein, natürlich nicht.
Was denn dann? Wo ich mich wohl fühle, soll ich nicht sein, aber unwohl soll mir auch nicht sein?
Richtig. Denn dies ist manipulativ verdreht.
Seit Ewigkeiten konnte sich der Mensch den Auseinandersetzungen nicht entziehen und im Streit um Differenzen schliffen sich Extrempositionen ab, schufen einen Ausgleich, erbrachte eine neue Basis. Die Schlichtung von Gegensätzen erbrachte etwas Neues.
Das muss heute nicht mehr so sein oder besser gesagt, das wird immer schwieriger. Einigkeit wird immer seltener durch die Auseinandersetzung hergestellt und immer häufiger durch Ausschluss der Differenzen. Ganz ohne Streit und ohne Hader und ohne Schlichtungsnot.
Ist das nicht prima? So ohne Streit, ganz ohne Unterdrückung, ein friedliches Nebeneinander?
NEIN, ist es nicht! Es ist nicht friedlich, ist nicht unterdrückungsfrei. Und es ist ignorant!
Und besteht nicht die Gefahr, dass – wenn sich Spannungen nicht im fortwährenden Streit entladen und ausgleichen – dass sich polare Positionen so stark aufbauen, dass ein harmloser Ausgleich nicht mehr möglich ist und sich nur blitzartig und extrem entladen?
Man bedenke nur, ein ganzes Drittel der geschätzten 1,7 Milliarden PC-User versammeln sich zu einer starken Facebookgemeinschaft.
Welch gigantisches Netzwerk und welch multifunktioneller Informationskanal! Welche Durchsetzungsmacht!
Wahnsinn.
Man sehe nur auch bitte die gigantische Unterdrückungsmacht. Wieso das denn?
Überall kann ich mein „Gefallen“ kund tun – das Gegenteil nicht. Ich kann „Ja“ sagen, aber nicht „Nein“. Ich kann auch nicht vermitteln. Jedes „Ja“ ist absolut und zu 100%. Weniger geht nicht.
Ein fehlendes „Ja“ ist dabei beileibe kein „Nein“. Es ist der Ausschluss, das Nirvana. Es gibt keine Gegenstimme.
Niemandem muss „gefallen“ , was ihm nicht gefällt. Aber dann ist er weg. Keine Verlinkung, kein Suchpfad, keine Öffentlichkeit in der Gemeinschaft.
Und wo es keine andere Meinung gibt, besteht auch kein Bedarf zur Prüfung. Jedem seines – nur eben ohne wechselseitige Kenntnisnahme.
„ Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ ist das passende Sprichwort.
Zähle ich nur die gesunden Bäume, habe ich keine Vorstellung davon, wie krank der Wald sein könnte. Oder umgekehrt.
(und damit erfülle ich jenen Verweis auf das mediterrane Südufer. Die arabische Welt hat via Social Media ein geschlossenes „JA“ gegen die Diktatoren organisiert, aber keine Übereinkunft für die weitere Zukunft erzielt. Nach dem Diktatorensturz wird es schwierig)
Die große Vernetzung hat bisher keine große Veränderung in der Debattenkultur erbracht, die Veränderung besteht allein darin, dass ich mir die Gruppe aussuchen kann, innerhalb der ich einer Sache zustimme. Eine Debatte zwischen den Gruppen ist dagegen ziemlich erschwert, gar unerwünscht.
Dies spiegelt sich sogar in den offenen Foren, wenn große Medienportale über ihre offenen Kommentarfunktionen eigentlich Debatten zulassen. Zumeist finden diese nicht statt. Wie Kuhfladen auf der Wiese reihen sich Meinungen aneinander, nehmen aber höchst selten Bezug zueinander. Ein Meinungsspiegel ohne Debatte. Es wird nicht argumentiert, bestenfalls geduldet, öfter sogar denunziert.
Da tummelt man sich lieber nur im eigenen Kreis, unter Gleichgesinnten.
Wir leben in einer Welt von Jasagern und geben Befürwortern keine Chance.
Weil wir sie nicht mehr brauchen? Die Schlichter?
In der globalisierten und vernetzten Welt sollen sich eben Neinsager woanders tummeln. Nicht hier jedenfalls.
DOCH.
Hier auf dieser Seite sind abweichende Meinungen sogar erwünscht.
Und die werden nicht gezählt, sondern durchdacht…
RSS
Apr 29, 2011 @ 18:29:43
Immer neue Blickpunkte und viele, natürlich nicht alle, Bezugspunkte. Alle Artikel der letzten Wochen verstehen sich als Beitrag zu:
( Hermann Lübbe in “Merkur”, 65. Jg., Heft 4, No. 743)
http://iobic.de/27153
wie zitierte Herr Lübbe so schön?
“Zeit und Geld – Maße der Freiheit”
Mit Geld kann eben die Zeit, eigene und fremde, gekauft, verlängert oder zunichte gemacht werden. Und Zeit? Die Zeit gaukelt dem Sparer vor, er könne aus Zins und Zinseszins ein Vermögen schaffen… (wenn er den welches anlegen könnte)